workshopgestaltung-anja-deutsch

workshops

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich merkte, dass Leute mich nicht verstehen.
Dass es nichts bringt Leuten etwas über freie, selbstorganisierte Bildungsnetzwerke zu erzählen.
Und darüber wie sie funktionieren. Es dauerte echt lang, bis ich realisierte: das ist bloße Theorie, Menschen wollen sehen, dass etwas funktioniert. Menschen wollen keine Theorien, keine Utopien, und seien sie noch so schön. Menschen wollen konkret wissen, wie selbstorganisierte Bildung in der Praxis aussehen kann.

Also beschloss ich, Workshops zu geben.
Keine Workshops über Theorie, sondern zu Themen mit denen ich mich beschäftigte.
Aber wie? Ich vertraute nicht sehr stark darauf, dass ich in der Lage wäre, einen Workshop über irgendetwas zu halten. Leuten etwas beizubringen. Ich konnte Workshops über Bildungsnetzwerke halten – aber was sonst??

Ich hatte viel über Popular education gehört, und darüber, dass es bedeute, die Leute da abzuholen, wo sie sind. Viel praktisch zu arbeiten und das zu machen, was Leute wirklich lernen wollen. Das was sie wirklich brauchen. Und ihnen die Chance zu geben gemeinsam zu lernen, statt „Lehrerin“ zu spielen.
Doch eine praktische Vorstellung, wie sich sowas anstellen lässt, hatte ich nicht.

Dann war ich auf dem Jugendumweltkongress, wo ein Freund von mir einen Workshop zum Thema Heilpflanzen hielt. Alles, was er vorbereitet hatte, war ein paar Kräuter mitzubringen und ein Plakat, auf das ein menschlicher Körper gemalt war.
Dann forderte er die Gruppe auf, zu jedem Körperteil Pflanzen aufzuzählen, die für diesen Körperteil heilsam seien.
Kopf: Pflanzen gegen Kopfweh, Zahnschmerzen, verstopfte Nasen und Läuse.
Rücken: Verspannungen. Bauch: Magenkrämpfe, Regelschmerzen.
Cremes, Tees und Tinkturen … Das Papier füllte sich.

Hätte er gesagt: „machen wir doch mal ein Brainstorming zu Heilpflanzen“, das hätte nicht gut funktioniert, da bin ich sicher. Aber der Körper auf dem Boden war sehr inspirierend.
Es gab Leute, die viel wussten und Leute, die kaum etwas sagten.
Aber doch konnte irgendwie jede® was beitragen. Ob Wissen aus dem Lehrbuch oder das alte Hausrezept von der Oma – irgendwie wusste doch jede® was!
Ich fasste Mut: so einen Workshop würde ich sicher auch hinkriegen.

In Barcelona lernte ich Ieva aus Lettland kennen, die meine Leidenschaft für Kontaktimprovisationstanz teilte, die ich erst auf Reisen entdeckt hatte. Kontaktimprovisationstanz ist eine sehr freie Form des contemporary dance, die nicht besonders klar definiert ist, zumindest nicht sehr viel klarer, als der Name schon sagt. Es geht um Körperkontakt, Improvisation und Tanz. In Tanzstunden lernt man viel über Balance, Gewichtsverteilung, Körpergefühl, richtiges Rollen und Fallen (ohne sich wehzutun), Akrobatik. In sogenannten „Sessions“ tanzen Anfänger und Fortgeschrittene zusammen (in Paaren oder Gruppen) oder auch allein, meist in ständigem spontanem Partnerwechsel.

In Los Molinos de Rio Aguas beschlossen wir, einen Kontakt-Impro-Workshop zu geben. Ieva tanzte schon eine ganze Weile, ich selbst hatte erst 2 Workshops dazu besucht. Aber war sehr motiviert!
Wir rollten und tollten also draussen auf der Wiese herum und tauschten uns über Übungen aus, die wir kannten. Planten den Workshop.

Doch als der Workshop stattfinden sollte, war niemand in der Jurte. Auch Ieva nicht.
Ich tanzte also alleine ein bisschen und war verwirrt. Und irgendwann kamen die Leute doch, tanzten mit. Alle da – ausser Ieva. Ich war irrtiert: was nun? Aber die Stimmung der Gruppe war super, „the show must go on“ dachte ich und machte die erste Übung mit ihnen. Und im passenden Moment, als ich gerade nicht so richtig wusste, was ich weiter tun sollte, kam auch endlich Ieva.

Das, was wir den Leuten vermittelten, hatte nur bedingt etwas mit dem zu tun, was normalerweise als „Kontaktimprovisationstanz“ bezeichnet wird. Aber wie der Name schon sagt, geht es ja um Improvisation, und wir hatten alle großen Spaß bei der Sache. Menschen kamen sich näher, experimentierten mit Tanz und Akrobatik, tanzten bald allein bald in Gruppen, wir rollten herum, trugen uns gegenseitig umher und steckten alle gleichzeitig all unsere Füße in der Mitte zusammen und strampelten.

So war auf der Tanzfläche die schönste und vertrauteste Stimmung, die ich je auf einer Tanzfläche erleben durfte. Wir waren nicht mehr Lehrerinnen, wir waren gleichwertiger Teil der Gruppe, in der jede® sich kreativ einbrachte.

Ein weiterer Workshop den ich hielt, zum Thema Permakultur, hatte eine absolut gegenteilige Dynamik. Ich hatte, der Zielgruppe entsprechend, für die ich den Workshop eigentlich geplant hatte, einen recht frontalen Vortrag vorbereitet, den ich dann aber zum ersten Mal vor einer ganz andern Gruppe hielt als geplant.

Die Gruppe war etwas müde und träge und in Konsumhaltung, und ich nicht spontan genug, um darauf einzugehen, dass viele schon viel Vorwissen zum Thema mitbrachten, und dass ganz unterschiedliche Interessen im Raum waren. Im Nachhinein denke ich, das einzig sinnvolle wäre Kleingruppenbildung zu verschiedenen Themen gewesen, aber ich hatte meinen klaren Plan zu fest im Nacken sitzen.

Das Potenzial im Raum wäre riesig gewesen, aber es verpuffte einfach. Leute, die noch nichts über Permakultur wussten fanden meinen Monolog vielleicht noch ganz spannend, aber für die die schon etwas wussten, war es wohl sehr langweilig.

Was ich über Workshops gelernt habe:
Weniger Vorbereitung ist oft mehr.
Es geht nicht darum, wie viel du weisst, sondern darum, mit Menschen zu kommunizieren, in einen guten Flow zu kommen und alles Wissen und alle Kreativität, die im Raum ist, geschickt auszunutzen.
Das wichtigste ist: einfach mal machen und Erfahrungen sammeln.
So schwer ist es gar nicht, und wenn es mal nicht klappt, reisst einem ja auch niemand gleich den Kopf ab ;-)